Die hybride Lehre hat sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema der Hochschuldidaktik entwickelt, nicht mehr nur als Notlösung der Pandemiejahre, sondern als eigenständiges, zukunftsweisendes Lehr- und Arbeitsmodell (Stang et al., 2021, S. 313–314). 
Sie verbindet physische und virtuelle, angeleitete und selbstgesteuerte Lernformen zu einer flexiblen Methode des Wissenstransfers (Kohls & Dubbert, 2023, S. 6–7), mit dem Anspruch, Präsenz- und Online-Teilnehmenden eine gleichwertige Lernerfahrung zu bieten.
Was genau ist hybrides Lehren?
Hybride Lehrsettings lassen sich nach Grad der physischen und digitalen Präsenz sowie nach Synchronität der Kommunikation unterscheiden (Reinmann, 2021, S. 5–7): reine Präsenzlehre, Online-Lehre (synchron oder asynchron), synchrones Hybrid-Lehren, auch „Here or There (HOT) Instruction" genannt, sowie asynchrones Hybrid-Lehren. Beim synchron hybriden Lehren nehmen Präsenz- und Online-Studierende gleichzeitig am selben Lehrseminar teil. Das erfordert eine doppelte didaktische und technische Aufmerksamkeit, da Lehrende beide Gruppen gleichermaßen einbinden müssen.
Ein besonders zukunftsweisendes Modell ist HyFlex: Studierende wählen frei zwischen physischer Präsenz, digitaler Präsenz und asynchronem Lernmaterial – auf allen drei Wegen soll dasselbe Lernziel erreicht werden (Fuchs, 2024, S. 2–3; Rachbauer & Hanke, 2022, S. 43–60). Diese maximale Flexibilität fördert eigenverantwortliches Lernen, stellt aber besonders hohe Anforderungen an die didaktische Gestaltung, da alle drei Teilnahmeformen gleichwertig gestaltet werden müssen (Reinmann, 2021, S. 9–11).
Weiterführende Informationen zur HyFlex-Lehre sowie den Praxis-Leitfaden „HyFlex in der Hochschule“ (Isabell Grundschober, 2024), den ich wissenschaftlich begleiten durfte, finden Sie in der Rubrik „Publikationen & Papers“. Der Leitfaden steht dort auch als Open Educational Resource (CC BY 4.0) zum Download zur Verfügung.
Hybride Lehre ist damit kein einfaches „entweder oder", sondern ein „sowohl als auch" – Präsenz und Online, synchron und asynchron, physisch und digital (Gerstung-Jungherr & Deuer, 2022, S. 17–19).
Chancen und Potenziale
Flexibilität und Zugänglichkeit
Hybride Formate ermöglichen Studierenden mit beruflichen oder familiären Verpflichtungen, geografischer Distanz oder gesundheitlichen Einschränkungen eine gleichberechtigte Teilnahme. Studien zeigen zudem: Bei richtiger didaktischer Umsetzung unterscheiden sich die akademischen Leistungen von Online- und Präsenzstudierenden nicht signifikant (La Rosa & Mavroudi, 2022, S. 948–949).
Inklusion und Diversität
Hybride Modelle erweitern den Zugang für internationale Studierende, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Studierende in besonderen Lebenslagen und tragen so zur Chancengleichheit im Bildungszugang bei (Hetzner et al., 2023, S. 23–39; Mrohs et al., 2023, S. 31, 35).
Kommunikation und Interaktion
Eine durchdachte Moderation ist der zentrale Erfolgsfaktor: Sie verbindet Online- und Präsenzgruppen aktiv miteinander. Methoden wie Flipped Classroom, Tandem-Gruppen zwischen Online- und Präsenzstudierenden sowie digitale Tools für Live-Feedback fördern die gleichwertige Beteiligung aller (Baier & Lippmann, 2023, S. 74–75; Morgenstern, 2022, S. 36–37).
Zentrale Herausforderungen
Technische Infrastruktur
Stabile Internetverbindungen, hochwertige Kamera- und Mikrofontechnik sind Grundvoraussetzung – unzureichende Ausstattung beeinträchtigt nicht nur die Übertragungsqualität, sondern auch das Gefühl der Online-Studierenden, gleichwertig teilzunehmen (Rachbauer & Hanke, 2022, S. 58–62; Mrohs et al., 2023, S. 33, 35).
Didaktische Anpassung
Klassischer Frontalunterricht lässt sich nicht einfach auf hybride Settings übertragen. Online-Studierende nehmen häufig eine geringere soziale Präsenz wahr, was Motivation und Beteiligung schwächen kann (Jansen & Rother, 2024, S. 59–63). Grabensteiner et al. (2023, S. 5–7) betonen: Online-Studierende müssen als vollwertige Akteur_innen wahrgenommen werden – nicht als „externe" Teilnehmende.
Teilnahmeungleichheiten
Präsenz-Studierende profitieren tendenziell stärker von unmittelbarer Interaktion. Patensysteme, gemischte Kleingruppen und gezielte Moderation können diese Kluft verringern (Rachbauer & Hanke, 2022, S. 72–76).
Organisatorischer Mehraufwand
Die Planung, Betreuung und technische Orchestrierung hybrider Lehrveranstaltungen übersteigt den Aufwand klassischer Präsenzlehre deutlich – kontinuierliche Weiterbildung und institutionelle Unterstützung sind daher unverzichtbar (Mrohs et al., 2023, S. 71, 81).
Erfolgsfaktoren aus der Praxis
Meine eigene qualitative Untersuchung interaktiver synchron hybrider Lehrseminare an der Universität für Weiterbildung Krems im Zuge meiner Masterthesis (Beobachtungen und Interviews mit Lehrenden) bestätigt: Der Erfolg hybrider Lehre hängt von vier zusammenwirkenden Faktoren ab:
Didaktische Konzeption – Modelle wie Blended Learning, Flipped Classroom und HyFlex fördern Eigenverantwortung und berücksichtigen unterschiedliche Lernpräferenzen.
Digitale Tools – Echtzeit-Feedback-Systeme (z. B. Mentimeter), digitale Whiteboards (Miro, MURAL) und Breakout-Räume ermöglichen die gleichberechtigte Einbindung aller Teilnehmenden.
Moderation und soziale Integration – gezielte Ansprache beider Gruppen, unterstützt durch Co-Moderation, ist essenziell für eine gleichwertige Lernerfahrung.
Technische Infrastruktur – leistungsstarke Kameras, klare Audioqualität und stabile Internetverbindungen bilden die Grundlage jeder gleichwertigen Teilnahme.​​​​​​​
Blick nach vorn
Zukünftig rücken weitere Fragen in den Fokus: der Einsatz KI-gestützter, adaptiver Lernplattformen, immersive Technologien wie Augmented und Virtual Reality zur nahtlosen Verbindung physischer und digitaler Lernräume sowie mobile, modulare Lösungen wie „Hybrid-Rucksäcke" für eine kostengünstigere technische Ausstattung. Hybride Lehre ist damit kein abgeschlossenes Modell, sondern ein sich stetig weiterentwickelnder Ansatz, der Hochschulen hilft, Flexibilität, Inklusion und Zukunftsfähigkeit miteinander zu verbinden.
Diese Entwicklung verläuft parallel zu der, die sich in der Arbeitswelt vollzieht. Dort verändert KI bereits heute, wie hybride Teams zusammenarbeiten und Kompetenzen aufbauen. 
Mehr dazu unter AI & New Work




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